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Ein heikler Balanceakt
Interview: Kristin Helberg
May 2004
Das Tharwa-Projekt ist eine
unabhängige Initiative, die sich den Minderheitenrechten in der
arabischen Welt verschrieben hat. Eine heikle Angelegenheit in einer
Zeit, in der die Regierungen des Nahen Ostens aus Furcht vor
Separatismus und ausländischem Einfluss die nationale Einheit zu stärken
versuchen. "Wir wollen keine Grenzen verändern, sondern eine Basis für
einen offenen Dialog und Austausch zwischen den Minderheitengruppen und
der Mehrheit in den arabischen Ländern legen", sagt der Leiter der
Initiative, Ammar Abdulhamid. Kristin Helberg traf ihn in Damaskus, wo
die Organisation ihre Zentrale hat.
Warum stehen gerade die Minderheiten im
Mittelpunkt ihres Engagements?
Ammar Abdulhamid: Wir wollten
konkrete Verbesserungen auf dem Gebiet der Menschenrechte erreichen.
Lange Zeit hat der Nahe Osten die Situation der Minderheiten, ihre
Anliegen und Erwartungen ignoriert.
Als die verschiedenen arabischen Staaten entstanden, wurde die Frage der
nationalen Minderheiten, wie die der Kurden und Berber, vernachlässigt.
Stattdessen betonten sie einzig den islamischen Charakter der Nationen
und ließen christliche und "häretische" islamische Sekten völlig außer
Acht.
Das Ergebnis dieser Politik der Ignoranz und des
Unter-den-Teppich-Kehrens drängender Probleme war, dass eine
Konfliktsituation entstand, mit der wir heute umzugehen haben.
Indem wir Menschenrechtsfragen von einem ganz pragmatischen Standpunkt
aus angehen und uns hierbei auf die Rechte der Minderheiten
konzentrieren, versuchen wir, realisierbare Vorschläge zu entwickeln und
von einer theoretischen zu einer praktischen Diskussionsebene zu
gelangen.
Ist es nicht eine gefährliche Angelegenheit,
sich um die Minderheitenrechte in einer Region zu kümmern, in der die
meisten Staaten Furcht vor Separatismus und dem Ausverkauf nationaler
Interessen haben?
Abdulhamid: Ja, das ist in der Tat
eine hochsensible Sache. Doch sehen wir gleichzeitig ja auch noch eine
andere Form ausländischer Intervention in unserer Region. Diesmal von
Seiten der Amerikaner, im Namen der Demokratisierung, aber eben auch
unter Berufung auf das Verhältnis zwischen Minderheiten und Mehrheiten
in einem Land.
Mit dem Einmarsch im Irak gaben sie vor, die von den Sunniten
unterdrückten Schiiten befreien zu wollen und benutzten einmal mehr eine
solche politische Konstellation, die in unseren Ländern existiert, zur
Rechtfertigung ihrer Intervention.
Natürlich ist es ein Vorwand, doch ein Weg, sich Interventionen
entgegenzustellen, ist es, diesen Vorwänden nach und nach den Boden zu
entziehen. Wenn wir das Problem der Minderheiten und ihr Verhältnis zur
Mehrheit in verschiedenen arabischen Ländern offen ansprechen können,
nehmen wir jeder ausländischen Macht den Wind aus den Segeln, wenn sie
nach einem Vorwand zur Intervention sucht.
So präsentieren Sie es den lokalen
Regierungen?
Abdulhamid: Genau, dies ist
sozusagen unser stärkstes Verkaufsargument.
Warum wählten Sie Damaskus als Hauptquartier
für Ihre Initiative?
Abdulhamid: Natürlich hätte ich es
leicht auch von den USA oder Europa aus machen können und verfügte so
sicher nicht nur über größere finanzielle Ressourcen, sondern auch über
ein höheres Maß an persönlicher Sicherheit. Doch offen gestanden
verhilft es uns auf diese Weise zu einer höheren Glaubwürdigkeit
gegenüber der Bevölkerung dieser Region.
Wir können auf ein internationales Beratergremium von innerhalb wie
außerhalb der Region zurückgreifen. Einige dieser Berater stehen der
offiziellen Haltung der Regierung sehr kritisch gegenüber, und das ist
gut so, weil wir unsere Unabhängigkeit erhalten wollen und uns zugleich
darum bemühen, unsere Handlungsspielräume zu erweitern und nicht im
Status Quo zu verharren.
Gibt es offizielle Reaktionen von Seiten der
syrischen Regierung?
Abdulhamid: Bisher gibt es keine
solche Reaktion, doch inoffiziell steht man uns wohlwollend gegenüber,
wie es scheint. Wir sind uns sicher, dass unsere Internetseite
aufmerksam beobachtet wird, doch noch hat man unsere Arbeit in keiner
Weise zu behindern versucht. Wir haben unsere Botschaft nach draußen
gesandt, und bis jetzt wird sie gut aufgenommen.
Neuerdings gibt es sogar Berichte über uns in regierungsnahen
Presseorganen. Sie erkennen uns dadurch an, dass sie indirekt mit uns
zusammenarbeiten, ließe sich sagen. Offiziell existieren wir zwar nicht
und haben auch keinen Status als offizielle NGO (Nicht-Regierungsorganisation).
Wir leben also in einer Art Niemandsland und freuen uns darüber, weil es
uns Freiheiten lässt. Denn um uns als offizielle NGO etablieren zu
können, müssten wir für jede unserer Aktionen eine Genehmigung von
Seiten der Regierung beantragen. In unserer jetzigen Lage brauchen wir
das nicht, sondern werden toleriert. Es ist schon seltsam: Nicht
anerkannt zu sein, bringt uns eine größere Freiheit.
Möglicherweise werden wir einen offiziellen NGO-Status in anderen
arabischen Ländern anstreben, doch in Syrien ist es wohl besser,
weiterhin im Niemandsland zu leben. Ich möchte keinesfalls die
Unabhängigkeit, die wir momentan genießen, aufgeben.
In Syrien leben die unterschiedlichen
ethnischen Gruppen sehr friedlich miteinander; halten Sie diese Toleranz
für ein Modell auch für andere Länder?
Abdulhamid: Es gibt viel Positives
an der Situation hier in Syrien, doch gibt es gleichzeitig auch viel
Negatives, über das keiner sprechen will. Wenn wir weiterhin so
verfahren, werden sich diese Probleme verschlimmern und die Situation
wird eines Tages eskalieren.
Ich denke dabei etwa an das Kurdenproblem. Seit nunmehr fünfzig Jahren,
also eigentlich seit der Unabhängigkeit, wurde die Kurdenfrage von der
Regierung systematisch unter den Teppich gekehrt. Viele Araber haben
absolut keine Ahnung von der Arabisierungspolitik gegenüber den Kurden,
ihren Lebensumständen, ihren Hoffnungen, dem Umstand, dass sie ihre
Sprache nicht sprechen dürfen und dass sie keineswegs Einwanderer,
sondern eine schon immer hier lebende Bevölkerungsgruppe sind.
Trotzdem scheinen die Kurden eine Ausnahme
zu bilden. Mit den Armeniern und Tscherkessen gab es nie Probleme ...
Abdulhamid: Die Tscherkessen und
Armenier wurden akzeptiert, weil es sich bei ihnen um Zuwanderer handelt.
Sie haben keine separatistischen Ambitionen, keine Autonomieansprüche,
was sie immer als "pflegeleicht" erscheinen ließ.
Sie haben ihre Kultur, ihre Religion, ihre Schulen, und all dies war nie
ein Problem, weil von ihnen keine Rebellion gegen staatliche Autoritäten
zu erwarten ist, wie es bei den Kurden der Fall ist, bei denen auch der
arabische Charakter des Landes eine Rolle spielt.
Die Christen sind auch keine Zuwanderer ...
Abdulhamid: Hier kommt ein anderer
Aspekt der Minderheitenproblematik ins Spiel, die Religion. In der Tat
wächst die Toleranz zwischen Muslimen und Christen in Syrien. Sicher
sind noch viele Barrieren zu überwinden, doch generell lassen sich eine
wachsende Akzeptanz und auch zahlreiche interreligiöse Beziehungen
konstatieren. Das gute Verhältnis zwischen Christen und Muslimen hat
sich über Jahrhunderte eingespielt.
Das Hauptproblem in Syrien ist nicht das christlich-muslimische
Verhältnis, sondern das des Verhältnisses zwischen den Sunniten und den
Alawiten, also ein innerislamisches Problem. Dies ist nach wie vor ein
Tabu in Syrien, mit dem sich niemand auseinander setzen will. Früher
oder später werden wir das aber tun müssen, um unsere Glaubwürdigkeit zu
erhalten; auch innerhalb unseres Projektes müssen wir es offen
ansprechen.
Wie verhindern Sie es, von den Minderheiten
instrumentalisiert zu werden?
Abdulhamid: Wir redigieren alles,
was auf unserer Website erscheint, wir lassen nicht Alle alles schreiben.
Wenn man einen Artikel veröffentlicht, der die Regierung in harscher
Form angreift und kriminalisiert oder die Araber als Ganzes des
Rassismus bezichtigt, kann das nach meiner Auffassung nicht der richtige
Weg sein.
Wir brauchen einen Geist der Annäherung, genaue Analysen und
nachprüfbare Informationen. Ich will keine Leute, die aus ihrer
persönlichen Frustration heraus nur emotional schreiben und sich
gegenseitig beschimpfen.
Zwar kann ich einen Separatisten um seine Meinung bitten und es auch
abdrucken, doch ohne mich damit auf seine Seite zu stellen, das wäre
gegen unsere Politik. Wir befürworten keine separatistischen Forderungen,
wir wollen nicht die Grenzen dieser Region ändern. Dies liegt einzig in
der Befugnis der Regierungen und der internationalen Gemeinschaft. Wir
arbeiten in existierenden Staaten und treten damit für die Rechte der
Minderheiten ein.
Glauben Sie nicht, dass Ihre Aktivitäten
aber genau den Effekt haben werden, den Sie eigentlich vermeiden wollen?
Dass Sie, indem Sie sich auf die Seite religiöser und ethnischer
Minderheiten stellen, letztendlich doch separatistische Bestrebungen und
soziale Unruhe fördern?
Abdulhamid: Wir können aber doch
nicht unseren ethnischen Reichtum und unsere Unterschiedlichkeit zu
Gunsten unserer Souveränität schlicht leugnen. Es ist ein heikler
Balanceakt. Wir dürfen die Minderheiten weder ignorieren noch
überbewerten. Denn durch die Nichtbeachtung verschwinden sie nicht
einfach, sondern entfremden sich immer weiter, die Mauern zwischen ihnen
und der Mehrheitsbevölkerung werden nur noch undurchdringlicher.
Betont man ihre Rolle jedoch zu sehr und verteidigt alles, was sie tun,
so hat es letztlich den gleichen Effekt: Man unterstreicht ihre
ethnische Andersartigkeit und damit zugleich ihre Sonderrolle innerhalb
des Staates.
Wie gesagt: Es ist ein heikler Balanceakt, bei dem wir uns auch ständig
selbst hinterfragen müssen. Immer müssen wir schauen, welche Texte wir
auf unserer Website veröffentlichen, welche Studien gemacht werden und
welche Art von Feedback wir bekommen. Es ist ein beständiger Prozess der
Selbsthinterfragung.
Welche Pläne für die Zukunft haben Sie für
Tharwa?
Abdulhamid: Wir planen Treffen auf
lokaler Ebene zwischen Mitgliedern verschiedener Gruppen, bei denen wir
auf basisdemokratischer Ebene über unsere Identität diskutieren wollen.
Wir wollen uns verschiedene Beispiele friedlicher Koexistenz ansehen,
ein Dorf vielleicht oder eine Region, in der man friedlich miteinander
lebt und man einen gangbaren Weg des Kompromisses gefunden hat.
Syrien ist voll von solchen Gemeinden, und ich bin mir sicher, dass sich
auch in anderen Gegenden unserer Region Beispiele für eine gelungene
Koexistenz und Kooperation finden lassen. Diese wollen wir dann als
Modelle präsentieren, damit andere, mit größeren Schwierigkeiten
kämpfende Gemeinden davon lernen können.
Wir wollen Konferenzen zum Thema organisieren und Studien in Auftrag
geben, die über potenzielle Brennpunkte in der Region informieren und
damit Wege aufzeigen, wie sich eine Eskalation möglicherweise vermeiden
ließe. Auch wollen wir uns mit der sozioökonomischen Integration
verschiedener Minderheitengruppen befassen, was letztlich zu einer Art
allgemeinem Zustandsbericht führen könnte, der jährlich über die Lage
der Minderheiten informiert.
Dies könnte helfen, ihre Situation objektiv zu bewerten und zu
analysieren, inwieweit sie tatsächlich Teil des sozioökonomischen und
politischen Gesamtgefüges des Staates sind, ob sie an den Rand der
Gesellschaft gedrängt werden oder eine aktive Rolle innerhalb der
Gesellschaft spielen oder gar — aus welchen Gründen auch immer —
politisch überrepräsentiert sind.
Es gibt jedenfalls eine Vielzahl von Ideen, doch sind wir nach wie vor
recht beschränkt in unserer finanziellen Ausstattung und froh, dass sie
es uns gerade mal erlaubt, eine zuverlässige Website zu unterhalten.
Übersetzung aus dem Englischen von Daniel
Kiecol
© Qantara.de 2004
English and Arabic versions of this interview
exist on the qantara.de website.
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